Flurnamen

Flurnamen als Quellen der Ortsgeschichte von St.Ilgen

Flurnamen sind nicht beliebig gewählte Namen von Flurstücken, es sind Bezeichnungen, welche etwas über deren Nutzung, über Entstehung oder über die Geländebeschaffenheit aussagen. Da darunter auch sehr alte Namen zu finden sind, fällt es schwer, deren Sinn zu deuten. Viele Bezeichnungen haben sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. So soll dieser Beitrag mithelfen, Neuzugezogenen wie auch Einheimischen, die Bedeutung dieser Namen aufzuzeigen. Vielfältig finden wir diese Namen in den Straßennamen festgehalten. Daß dies so ist, ist erfreulich, da damit eine Quelle der Ortsgeschichte erhalten bleibt, aus welcher die alte Nutzung, die alte Oberflächenbeschaffenheit wie auch sonstige Hinweise der nun veränderten bebauten Gelände ersichtlich wird.

Natürlich kann diese Darstellung keine Vollständigkeit beanspruchen, da mangels ausreichender Quellen die Grundlagen fehlen.

Zur Erläuterung der Zusammenstellung sei gesagt, daß der erste Name die heutige amtliche Bezeichnung bedeutet. Dahinter stehen weitere Untergruppen und die Jahreszahl der Nennung. Den Schluß der Kopfzeile bildet die Straßenbezeichnung, in welcher der Flurname festgelegt ist. Darunter folgen hinweise zur Lage und die Deutung des Namens sowie sonstige auf das Flurstück sich beziehende Hinweise.

In Straßennamen Festgehaltene Flurnamen:

1. Allmende -1732 – Allmendstraße
Die St. Ilgener Allmende wird 1732 als „allmend gelegen an der bach und den Wallacker“ bezeichnet. Heute steht auf diesem ehemaligen Gemeingut die evangelischen Kirche und eine Siedlung mit 23 Wohnhäusern. Allmende bedeute Allgemeinbesitz der Dorfbewohner, also allen gehörend.

2. AM MÜHLWEG – 1474 – Am Mühlweg
An der Straße nach Nußloch im Bereich der südlichen Bahnüberführung, größtenteils durch den Straßendamm überschüttet. Der Name deutet darauf hin, daß hier der Weg zur Mühle (Bannmühle auf .Nußlocher Gemarkung) führte. Die Mühle stand am Leimbach am heutigenOrtseingang von Nußloch.

3. DORFWIESE- In der Dorfwiese
Wiesen am Rande des alten Dorfbereiches gelegen.

4. ETZWIESE – 1384 – In der Etzwiese
Wiesen entlang der Leimbach im Bereich der Sandhäuser Gemarkung. Weidewiese; von atzen, ätzen, etzen, also äßen ableitend.

5. FASANERIE – 1591 – Fasaneriestraße
Siehe hierzu den Abschnitt „Aus der Geschichte unserer Gemeinde“.

6. GERBERSWIESE – In der Gerberswiese
Im Industriegebiet nahe der Straße nach Nußloch. Name auf die Gerber zurückführend, welche ihre Gerbergrube – Lohgrube- hier hatten. Die genaue Lage ließe sich an verfärbten Bodenflächen feststellen. St. Ilgen hatte um 1900 15 Gerber, welche in der Glace-Lederfabrik ihr Brot verdienten.

7. HEIDELSLACH – 1474 – In der Heidelslach (Industriegebiet)
Der Name läßt sich vom mittelalterlichen Hedelslache ableiten und auf eine seichte, oft Wasser enthaltende Stelle bei den Hügelgräbern oder sonstigen Bestattungsstellen, hinweisen. Da dieser Gemarkungsteil an den Bereich der Dünen des Andbuckels entlang der Bahnlinie angrenzt, wo selbst frühgeschichtliche Siedlungsfunde gemacht wurden, kann der Name auf diese Siedlung Bezug haben (siehe auch Unterm Sand).

8. HESSEL, WAID HESSEL – 1445 Heßlich -Waid-Hessel-Straße
Entlang der Bahn im Bereich der Bahnüberführung an der Straße nach Nußloch. Wohl aus dem mhd. Haselstrauch, Haselstaude oder Hecke ableitend (Öd.land). In diesem Bereich machte man römerzeitliche Gräberfunde.Waid-Hessel nimmt hierbei Bezug auf die Weide bei den Haselbüschen ­

9. HOHE RODT – 1474 – Hohe Rodt
Im Bereich des Nußlocher Baggersees. Rodt ist aus Rodung von Wald (auch Weidewald) oder mit Büschen verwachsenen Heideland (Ödland) abzuleiten. Bei der Hohen Rodt handelt es sich um den oberen, den höher gelegenen Teil im Gegensatz zu früher genannten Bezeichnungen „mittlere und hintere Rodt“. In diesem Bereich wurden römerzeitliche Siedlungsfunde gemacht, von einer Siedlung, welche wohl beim Alemanneneinfall zerstört und daraufhin gemieden wurde und mit der Zeit überwucherte.

10. KEITGASS – 1474 – In der Keitgaß
Im Ortsbereich nahe der Hohen Rodt liegend. Der Name deutet auf Krautgärten hin.

11. LICHTENAU – 1223 – In der Lichtenau
Diese von Wassergräben umzogene Wiesen waren wohl früher in den Besitz der Herren von Lichtenau einbezogen. Die Herren „von Lichtenowe“, welche zwischen 1223 und 1289 als Gemeine, Edelleute, Ritter und Kriegsleute genannt werden, hatten eine kleine, von Wassergräben umzogene Burg auf der Nußlocher Gemarkung. Am 6. Mai 1259 verkauften sie ihre Burg, wahrscheinlich aus Not, an den Pfalzgrafen Ludwig 11. Von da an hört man nichts mehr von den Herren von Lichtenau. Die Burg wird 1289 als zerstört genannt. In den letzten Jahren wurde der Hügel abgetragen und Kies gebaggert, weshalb hier heute ein kleiner Baggersee die Burgstelle markiert.

12. PROBSTERWALD, UNTERM PROBSTERWALD – 1525 – Im Probsterwald
Das Probsterwaldgebiet umfaßt das große Wiesengelände beiderseits der Bahnlinie zwischen den Gemarkungen Sandhausen und Leimen im Nordteil der Gemarkung. Wie der Name sagt, war dies ein der Probstei (Kloster St. Agidius) gehörendes Waldstück, das sich über die Gemarkungen Nußloch, Leimen, Rohrbach, Kirchheim, Sandhausen und St. Ilgen erstreckte und einen Umfang von 363 Morgen (alte Morgen) hatte. Um 1015 finden wir den Wald als „Silva palustris“ sumpfigen Wald genannt. Der Wald kam 1100 durch Schenkung von Bischof Johannes von Speyer an das Benediktinerkloster Sinsheim. Um 1476 wird der Wald auch als „St. Aegidi-Wald“ bezeichnet. Mit dem Jahre 1525, hier im Besitz des Kurfürsten von der Pfalz, beginnt die Rodung des Waldes. Anfang des 18. Jahrhunderts waren noch Eichbäume auf den Wiesen gestanden und wurden Baumwurzeln ausgegraben.

13. SCHUSSGARTEN – 1474 – Schußbrett , Im Schußgarten
Zwischen der kath. Kirche und dem Leimbach gelegen, deutet der Name auf ein Wasserstau hin. Hier wurde der Leimbach angestaut und in die anliegenden Gärten und Wiesen geleitet. Heute sind noch teilweise Ableitungsgräben sichtbar.

14. SETTEL , ZETTEL – 1475 – Im Settel
Ortsbereich entlang der Bahn zwischen den beiden Bahnüberführungen. Der Name weist auf ein eingezäuntes Stück Land (Gärten) hin, wie man dies früher am Ortsrande findet.

15. UNTERM SAND – Unterm Sand
Bereich an der Bahn, oberhalb (südlich) der Bahnüberführung. Es ist dies ein an den Sandbuckel (Düne) angrenzendes Ackergelände, heute zwischen Bahn und Düne überbaut.. Hier wurden in den letzten 25 Jahren mehrfach frühgeschichtliche Siedlungsfunde gemacht. Diese entstammen der Jungsteinzeit bis etwa um 2100 vor der Zeitrechnung, der Bronzezeit zwischen 2100 und 1500 vor d.Z. und der Latenezeit von 550 vor d.Z. bis 100 nach Chr. Geburt.

16. WALLÄCKER, BÖSE WALLÄCKER – 1474 – Walläckerweg
Der Name nimmt Bezug auf die nahe dem Probsterwald gelegenen Acker, welche richtiger Waldäcker heißen sollten. Das „d“ ist hier im Lauf der Jahrzehnte durch die mundartliche Aussprache verloren gegangen.

Weitere, heute noch gebräuchliche Flurnamen:

1. BOCKSÄCKER
Vom Bockshalter genutzte Äcker südlich der Straße nach Nußloch.

2. BRUCH , KLEINES BRUCH – 1131 –
Sumpfiges Gelände entlang der Sandhäuser Gemarkung und im Anschluß an den Probsterwald im Norden der Gemarkung. Man vermutet, daß hier die alte Siedlung entstand, „1131 locus, quidicitur Bruch“, später um 1609 ist von „St. Gilgen im Bruch“ die Rede. Es mag daher die Bezeichnung als allgemein gegolten haben für das von Wasser und Sumpf durchzogene Gelände zwischen Sandhausen und Leimen, das in der geologischen Karte als Talaue und Grundwasserstaugebiet der Gebirgsrandsenke ausgewiesen ist.

3. BRUCHWIESE – 1474
Sumpfwiese, vom mhd. Bruoch = Sumpf ableitend. Wiesen zwischen der Bahnlinie und der Nußlocher Gemarkung, im Süden bis an die Walldorfer Gemarkung grenzend.

4. ERLENWÄLDEL
Der Name des Waldstückes, das sich an die Ostseite des Probsterwaldes anschloß, deutet darauf hin, daß hier Erlen standen, vielleicht weil hier eine besonders sumpfige Stelle war. Die Erlen aus der Gattung der Birkengewächse gedeihen besonders gut auf sumpfigen Böden.

5. FASANENWÄLDCHEN
Im Nordteil der Gemarkung liegendes Flurstück, welches im Zusammenhang mit der kurpfälzischen Fasanerie genutzt wurde.

6. HINTERM KLOSTER -1474
Nordteil des zwischen der Leimbach und den Hochspannungsleitungen liegenden Gemarkungsteiles, welcher vom Dorf aus gesehen hinter dem Kloster lag.

7. KAUTZENLOCH – 1384
Hier steht die Endung Loch gleichbedeutend auch für Wald. Demnach ein Waldstück, in welchem sich die Waldkeutze gerne aufhielten, im Nordteil der Gemarkung gegen Leimener Gemarkung grenzend. Auch das anschließende Leimener Flurstück trägt den Namen Kautzenloch.

8. KLEEÄCKER
Äcker südlich der Straße nach Nußloch, heute Industriegebiet, dessen Name aus deren Nutzung entstand.

9. KLOSTERÄCKER
Äcker nahe dem Kloster, heute Sporthalle und Kinderspielplatz.

10. LACHWIESE
Im mittleren Ortsbereich entlang der Leimbach liegend, deutet der Name auf eine seichte, sumpfige Stelle hin. Lache = Sumpf.

11. LANGWIESE – 1475 –
Im Ortsbereich, der Leimbach entlang ziehende Wiesen.

12. SANDBUCKEL, um 1474 auch Heidelshurst genannt
Der Name bezieht sich auf die Düne, welche entlang der Bahnlinie von der Bahnüberführung nach Süden zieht und heute mit Wald überdeckt ist. An der Südspitze befindet sich eine von der Gemeinde genutzte Sandgrube. Um 1780 und 1828 finden wir auch Randstücke als Weinberg angelegt. Die Dünen bestehen aus Ablagerungen von feinen, aus den Rheinkiesen durch mächtige Westwinde ausgewehten Quarzkörnchen, welche als Flugsand nach Osten getragen wurden. Dieser Vorgang geschah in der Hauptsache zur Zeit eines diluvialen, trockenen Steppenklimas innerhalb des vor ca. 10 000 Jahren währenden Wechselklimas (Eiszeitalter). Durch den Wind blieben die Dünen jedoch ständig in Bewegung und kamen erst durch die fortschreitende Bepflanzung vor ca. 1.000 Jahren zum Stehen. Hier in St. Ilgen haben sich die Dünen am weitesten nach Osten vorgetragen. Die gestaltende Kraft des Windes, meist Westwind, läßt sich an den Dünen gut erkennen, die Westseite ist flach geneigt, die Ostseite dagegen steil abfallend. Durch die Bewaldung ist auf dem Sandbuckel eine große Anzahl botanischer Raritäten verschwunden welche jedoch auf dem Sandhausener Naturschutzgebiet noch zu finden sind.

13. SCHNALL
Bereich zwischen Leimener Straße und Leimbach an der Ortseinfahrt. Der Name deutet auf Mohnäcker hin. Es könnte hier jedoch auch ein Zusammenhang mit der Wässerung (siehe Schußgarten) bestehen. So wäre Schnall aus Schnelle = abfallendes Wasser abzuleiten.

14. SCHREIBER
Flurstück im Ortsbereich, welches sich auf ein eingefriedetes Stück Land nahe am Ort gelegen bezieht.

15. SEE
Südspitze der Gemarkung. Eine seichte Stelle, wo selbst früher ein See war, welcher durch den Bahnbau verschwand.

16. SPECK, UNTER – OBERSPECK – 1474 –
Nordspitze der Gemarkung. Deutet auf ein Rutengeflechtdamm hin, zur Abdämmung des Wassers vom Landgraben (von Leimen kommend) bzw. der Leimbach, welche in der Nähe zusammenflossen und bei starken Regenfällen zu Überschwemmungen führten.

17. STERNWIES
Sehr wahrscheinlich aus der Form oder aus einem Personennamen entstandene Bezeichnung.

18. STRANG – 1695 Herrenstrang –
Strang = Schmal, also langes schmales Grundstück entlang der Gemarkungsgrenze gegen Leimen im Nordteil der Gemarkung.

19. Schmalzgrube – 1474 –
Schmalz bedeutet gutes, bestes Ackerland. Der Name dürfte aus dem um 1470 genannten Schmalzgarten und einer daselbst genannten „Kalchgrube“ = Kalkbrenngrube, zu Schmalzgrube geworden sein. Neubaugebiet nördlich der Straße nach Nußloch.

20. ZUCKMANTELSWIESE – 1474
Grenzt an Walldörfer Gemarkung, Hinweis auf Jagdgehege mit Durchlässen oder Falltoren.
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Quelle: Heimatgeschichtliche Ausstellung – Aus der Vergangenheit von St.Ilgen – 9/10 September 1978 Gemeindeverwaltung Leimen

Literatur: Gemeindeakten, Gemarkungsplan, Beitrag von Rektor Etzler in den Gemeindenachrichten 42/1971, Haller, Beiträge zur Geschichte von St. Ilgen, Mannheimer Geschichtsblatt IX/1908, Fundberichte aus Baden, Festbuch, 700 Jahre Sandhausen, Abschnitt Dünen, Buck, Oberdeutsches Flurnamenbuch.